top of page
  • musicmakermark

Lennie Tristano

Amerikanischer Jazz-Pianist, Komponist, Bandleader und Musiklehrer, geboren am 19. März 1919 als Sohn italienischer Einwanderer in Chicago, Illinois. Er begann als Vierjähriger mit dem Klavierspiel, anfangs unterrichtet von seiner Mutter, die nebenberuflich Opernsängerin und Pianistin war. Als Folge der grassierenden Spanischen Grippe war sein Sehvermögen stark geschwächt, mit zehn Jahren war er völlig blind.


1928 bis 1938 besuchte er in Chicago eine Schule für Blinde, wo er auch Musiktheorie, Cello, Klarinette und Tenorsaxophon lernte. Danach besuchte er bis zu seinem Abschluss 1943 das American Conservatory of Music, mit einer vorwiegend klassischen Ausbildung. Nebenbei spielte er in Chicago Jazz und begann nach seinem Abschluss zu unterrichten. Zu seinen ersten Schülern in Chicago zählten Lee Konitz und der Komponist Bill Russo.


1946 übersiedelte er nach New York City. Dort versammelte er schnell einen Kreis von Musikern um sich, die von seinen eigenen Ideen und Theorien fasziniert war. Dabei entwickelte er ein Konzept, aus dem der scheinbar emotionslose Cool Jazz als eine Art intellektuelle Gegenbewegung zum hitzigen Bebop entstand. Er gründete seine ersten eigenen Gruppen und machte erste Aufnahmen.


Es waren dies Trioaufnahmen mit Billy Bauer (g) sowie Arnold Fishkin, Bob Leininger, Clyde Lombardi oder Leonard Gaskin (b). Einige dieser ganz frühen Trioaufnahmen von 1946 und 1947 wurden später auf der LP "A Guiding Light Of The Forties" (Mercury, 1973) zusammengefasst. Schon bald folgten Quartettaufnahmen mit Lee Konitz (as) oder John LaPorta (cl), Billy Bauer (g) und Arnold Fishkin (b). Bei Quintettaufnahmen mit Konitz war noch Shelly Manne mit dabei.


1947 traf Lennie Tristano vor allem bei Sessions der Metronome Allstars auf Charlie Parker (as) und andere farbige Musiker wie Dizzy Gillespie (tp), Miles Davis (tp), J.J. Johnson (tb) oder Max Roach (dm). Diese Begegnungen von Parker und Tristano wurden auf der CD "Complete Recordings" (Definitive, 2006) zusammengefasst. Die CD enthielt auch zwei Stücke von Parker und Tristano mit Kenny Clarke (perc), die 1951 in Tristanos Haus aufgezeichnet wurden. Kenny Clarke spielte dabei mit seinen Besen auf einem Telefonbuch.


Besondere Faszination übten europäische Komponisten wie Johann Sebastian Bach oder Béla Bartók auf ihn aus. Sein bevorzugtes Repertoire enthielt kaum Blues, aber viele Stücke von weissen Musikern wie George Gershwin, Jerome Kern und Cole Porter. Tristanos Schüler Warne Marsh äusserte sich zudem häufig zur Diskriminierung der weissen Musiker im Jazz, die er ständig erfahren musste.


Tristano, Konitz, Bauer und Fishkin bildeten mit Warne Marsh (ts) und Harold Granowsky (dm) Ende der 1940er Jahre ein Sextett. Mit diesen Musikern wagte sich Tristano am 16. Mai 1949 in den Stücken "Intuition" und "Digression" erstmals in den Bereich der freien Improvisation. Diese und andere Stücke von total sechs 1946 absolvierten Sessions wurden später auf der LP "Crosscurrents" (Capitol, 1972) zusammengefasst. Teilweise war Denzil Best der Schlagzeuger.


Tristanos Stil war interessant, weilt er bis zu drei unabhängige Taktarten zu spielte und sie ineinander verwebte. 1951 gründete er in New York eine Jazzschule, die erste ihrer Art, bei der unter anderen seine Schüler und Mitmusiker Billy Bauer, Lee Konitz, Warne Marsh und Sal Mosca unterrichteten. Tristano gab zahlreiche Konzerte zusammen mit seinen besten Studenten und machte Studioaufnahmen mit ihnen. 1956 schloss er die Schule und unterrichtete von Long Island aus.


Mit dem Aufkommen von Vinyl war es möglich, mehr als nur zwei Stücke pro Schallplatte zu veröffentlichen. Tristanos erstes richtiges Album war die LP "Lennie Tristano" (Atlantic, 1955) mit Studio- und Liveaufnahmen von 1955 mit Peter Ind (b) und Jeff Morton (dm) bzw. Lee Konitz (as), Gene Ramey (b) und Art Taylor (dm). Im Rahmen dieser Studiosessions experimentierte Tristano als einer der ersten mit dem Overdub-Verfahren.


Das Solostück "Requiem", eine Widmung an Charlie Parker, besteht aus zwei verschiedenen Piano-Tonspuren. Für "East Thirty-Second" ging er noch weiter. Die ursprüngliche Trioaufnahme mit Ind und Morton beschleunigte er, bis sie eine Oktave höher klangen. Darüber spielte er eine weitere Piano-Tonspur. Sessions und Aufnahmen wurden ab 1956 selten. Tristano konzentrierte sich aufs Unterrichten und trat nur gelegentlich im New Yorker Club "Half Note" auf.


"The New Tristano" (Atlantic, 1962) enthielt grösstenteils frei improvisierte Soloaufnahmen von Tristano. Bevor er sich endgültig vom Studio- und Konzertbetrieb zurückzog, formierte er mit Lenny Popkin (ts), Loui Stelluti (b) und Roger Mancuso (dm) ein neues Quartett, von dem es keine Aufnahmen gibt. 1965 tourte Tristano ein Mal durch Europa, 1968 hatte er seinen letzten öffentlichen Auftritt in den USA.


Auf der japanischen LP "Descent Into The Maelstrom" (East Wind, 1976) wurden zum Teil weitere Experimente mit Overdubs-Techniken verewigt. Es handelte sich um Soloaufnahmen von 1953, 1965 und 1961 sowie um Trioaufnahmen von 1966 mit Sonny Dallas (b) und Nick Stabulas (dm) oder solche von 1952 mit Peter Ind (b) und Roy Haynes (dm). Er unterrichtete weiter bis zu seinem Tod am 18. November 1978.


Lennie Tristano starb 59-jährig in seinem Haus in Jamaica im New Yorker Stadtteil Queens, an den Folgen eines Herzinfarktes. Er litt davor jahrelang an diversen Krankheiten. Nach seinem Tod ehrten ihn seine ehemaligen Mitmusiker sowie andere Musikerinnen und Musiker mit einem Konzert, das auf fünf LPs zusammengefasst unter dem Titel "Lennie Tristano Memorial Concert" (Jazz, 1980) erschien


Dazu erschien eine Vielzahl von Aufnahmen, darunter auch fast 40 Compilations, auf denen sein vielfältiges, auf vielen Schellack- und frühen Vinyl-Schallplatten veröffentlichtes Schaffen zusammengefasst wurde. Material aus der Frühzeit erschien auf der LP "The Rarest Trio/Quartet Sessions 1946/1947" (Raretone, 1981), der CD "Trio, Quartet, Quintet & Sextet: 1946-1949" (Giants Of Jazz, 1996), der "The Lost Tapes" (The Jazz Factory, 2001) und der 4-CD-Box "Intuition: Recordings 1945-1951" (Prosper, 2003).


"The Complete Atlantic Recordings Of Lennie Tristano & Warne Marsh" (Mosaic, 1997) dagegen enthielt auf 10 LPs oder 6 CDs Material aus den 1960er Jahren, dazu Aufnahmen der Tristano-Schüler Lee Konitz und Warne Marsh. "Personal Recordings 1946-1970" (Dot Time und Mosaic, 2022) war ebenfalls 6 CDs stark. 11/23

3 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Fred Wesley

Comments


bottom of page