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Paul Rutherford

  • musicmakermark
  • 11. Sept.
  • 6 Min. Lesezeit

Englischer Free Jazz/Free Improv-Posaunist, Euphoniumspieler, Komponist und Bandleader, geboren am 29. Februar 1940 in Greenwich, London. Rutherford besuchte Ende der 1950er Jahre die Royal Air Force Music School, wo er auf den Schlagzeuger John Stevens und den Altsaxophonisten Trevor Watts traf.


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Rutherford und Watts begannen sich schon während ihrer Armeezeit für freieren Jazz im Stile von Eric Dolphy, Charles Mingus, John Coltrane oder Ornette Coleman zu interessieren. Dazu leiteten sie auch ihre ersten eigenen Gruppen.  Zudem waren die beiden Musiker Mitglied der von Neil Ardley geleiteten Bigband New Jazz Orchestra.

 

Mit dieser Big Band kamen die beiden auf der LP "Western Reunion London 1965" (Decca, 1965) zu ihrem Schallplatten-Debut. Weitere, später bekannte Musikerinnen und Musiker auf dieser Aufnahme waren Barbara Thompson (as), Ian Carr (tp, flh), Tony Reeves (b) und Jon Hiseman (dm).

 

Für ein Konzert einer Watts/Rutherford-Gruppe in Liverpool wurde auch der Schlagzeuger John Stevens beigezogen. Als Stevens am 3. Januar 1966 im Londoner West-End seinen "Little Theatre Club" eröffnete, spielte als erste Gruppe eine Formation mit Watts, Rutherford, Stevens sowie Jeff Clyne und John Ryan (b).

 

Der Club und ein Teil dieser Formation wurden zur Basis einer langjährigen Gruppe um Stevens, die sich Spontaneous Music Ensemble nannte und im Verlaufe der Jahrzehnte in den diversesten Zusammensetzungen Aufnahmen veröffentlichte.

 

Im März 1966, machte das Spontaneous Ensemble erstmals Aufnahmen. Zum Kerntrio Rutherford, Watts und Stevens stiessen bei insgesamt drei Sessions Kenny Wheeler (flh) sowie entweder Jeff Clyne oder Bruce Cale (b). Diese Aufnahmen kamen als "Challenge" (Eyemark, 1966) auf den Markt.

 

Aufnahmen des SME vom Herbst 1966 und im März 1967 wurden erst später auf der CD "Withdrawal" (Emanem, 1997) auf den Markt gebracht. Um das Kerntrio Stevens, Watts und Rutherford sowie um Kenny Wheeler hatten sich mit Evan Parker (ss, ts) und Barry Guy (b, p) zwei neue Mitglieder dem SME angeschlossen.

 

Rutherford, Watts und Guy kehrten der Gruppe im Frühling 1967 den Rücken, während Wheeler und Bailey nur noch sporadisch mitmachten. "4,4,4," (View, 1980) hiess im Herbst 1979 eine Art SME-Reunion-Aufnahme, bei der Parker, Stevens, Guy und Rutherford beteiligt waren. Die LP wurde später (Konnex, 1993) mit einem Trio-Track von 1992 von Stevens mit seinen damaligen SME-Kollegen Nigel Coombes (vio) und Roger Smith (g) wiederveröffentlicht.  

 

Noch einmal später wurden diese Aufnahmen unter dem Titel "One Four And Two Twos" (Emanem, 2012) mit weiterem Material ein weiteres Mal herausgebracht. Neu dazugestellt wurden zwei Duostracks von Rutherford und Guy von 1979 bzw. Stevens und Parker von 1992. 

 

Weitere Aufnahmen machte Paul Rutherford ab Ende der 1960er Jahre als Mitglied der Mike Westbrook Concert Band, des Globe Unity Orchestras, Barry Guys London Jazz Composers Orchestra, Manfred Manns Earthband und von Keith Tippetts Centipde.

 

Dazu kamen Aufnahmen mit mit Leadern wie John Surman, Tony Oxley, Norma Winstone, Peter Kowald, Dennis Coulson, Krzysztof Penderecki und Don Cherry & The New Eternal Rhythm Orchestra und anderen. 1969 war Rutherford bei epochalen Free Jazz-Aufnahmen von deutschen Musikern mit von der Partie. 

 

Im April 1969 holte ihn der Pianist Alexander von Schlippenbach zusammen mit der Creme de la creme der europäischen Free Jazz-Szene für die Aufnahmen von "The Living Music" (FMP, 1969) ins Studio. Zwei Monate später wurde Rutherford von Manfred Schoof (tp) für die Aufnahmen der LP "European Echos" (FMP, 1969) beigezogen.

 

Im März 1970 machte Paul Rutherford mit Peter Brötzmann (ts) als Leader Aufnahmen, die später als Titelstück der CD "Fuck de Boere" (Atavistic Unheard Music-Series, 2001) auf den Markt kamen. Im Mai 1970 tat sich Rutherford mit Peter Bennink (as, bagpipes), Peter Brötzmann (ts), Evan Parker (ss, ts), Mish Mengelberg (p), Derek Bailey (g) und Han Bennink (dm, perc) zu einem Septett zusammen, das unter dem Namen der Musiker "Groupcomposing" (ICP, 1970) veröffentlichen konnte.  

 

1970 gründete Rutherford mit Barry Guy (b) und Derek Bailey (g) das Trio Iskra 1903, von dem eine ganze Reihe von Aufnahmen erschienen. Mit weiteren Musikern erweitert oder in anderen Besetzungen nannte Rutherford diese Gruppe auch Iskra 1904, Iskra 1912 bzw. ISKRA³.

 

Nach weiteren Aufnahmen im Umfeld der damaligen europäischen Free-Szene spielte Rutherford im Verlaufe der zweiten Hälfte des Jahres 1974 mit "The Gentle Harm Of The Bourgoisie" (Emanem, 1975) seine erste unbegleitete Aufnahme ein. Es folgten weitere unbegleitete Aufnahmen, dazu auch mehrere Duoaufnahmen (siehe Paul Rutherford in Solo- und Duoaufnahmen).


Dazu entstanden zusammen mit europäischen Free Jazz-Musikern immer wieder Aufnahmen, bei denen Paul Rutherford als Sideman oder als gleichberechtigter Co-Leader mitwirkte. Ende der 1970er, anfangs der 1980er Jahre gehörte Rutherford zu den ersten Formationen an, welche Fred Van Hove (p) unter der Bezeichnung MLA (Musica Libera Antverpiae) oder MLB (Musica Libera Belgicae) leitete.

 

Die Doppel-LP "The Ericle Of Dolphy" (Po Torch, 1989) enthielt Musik aus zwei verschiedenen Zeitspannen, eingespielt aber mit beinahe den selben Musikern. LP 1 bestand aus Quartettaufnahmen von Rutherford, Evan Parker (ts, ss), Dave Holland (b, cello) und Paul Lovens (dm, perc), mitgeschnitten Anfang November 1976 beim Total Music Meeting in Berlin.

 

LP 2 entstand im Trio ohne Holland beim Incus Festival von Ende April 1985 in London. Mitte August 1985 traten Rutherford, Parker mit Hans Schneider (b) und Paul Lytton (dm) als Begleiter an einem Festival in Waterloo auf, wo die LP "Waterloo 1985" (Emanem, 1999) mitgeschnitten wurde. 

 

Liveaufnahmen des Paul Rutherford Trios mit Paul Rogers (b) und Nigel Morris (dm) vom Juli 1983 am Bracknell Jazz Festival erschienen noch im selben Jahr auf einer Kassette mit dem Titel "Bracknell '83" (Ogun, 1983). Die beiden Tracks wurden später mit Studioaufnahmen des selben Trios vom Dezember 1983 zur CD "Gheim" (Emanem, 2004) zusammengefasst.

 

Mit Phil Wachsmann (vio), Harri Sjöström (ss), Teppo Hauto-Aho (b) und Paul Lovens (dm, perc) tat sich Rutherford Ende der 1980er und dann 2001 wieder zum Quintet Moderne zusammen, um einige wenige Aufnahmen einzuspielen. Auf einer ersten Aufnahme hatte Jari Hongisto an Stelle von Rutherford gespielt.

 

Mit Harrison Smith (ts, ss), Tony Moore (cello) und Eddie Prévost (dm) von AMM bildete Rutherford im Sommer 1989 das Free Jazz Quartet, das mit "Premonitions" (Matchless, 1989) ein Album vorlegte. Später wurden Live-Aufnahmen dieser Gruppe von einem Konzert 1992 in Bristol als "Memories Of The Future" (Matchless, 2009) veröffentlicht.

 

Eng arbeitete Rutherford in jener Zeit mit Lol Coxhill (ss) und George Haslam (bars) zusammen. Mit Simon H. Fell (b) und Paul Hession (dm) weitere Mitmusiker nahm dieses Trio die Kassette "Termite One" (Bruce's Fingers, 1990) auf, mit Howard Riley (p) als vierter Musiker die CD "The Holywell Concert" (Slam, 1990). 

 

"Trio (London) 1993" (Leo, 1994) hiess eine im Mai 1993 live aufgenommene Trioaufnahme mit Anthony Braxton (as, sops) und Evan Parker (ts, ss). Zusammen mit Julie Tippetts (vcl), Keith Tippett (p) und Paul Rogers (b) formierte Rutherford 1998 das Quartett RoTTor.

 

Diese vier Musiker veröffentlichten "The First Full Turn" (Emanem, 1998) mit Konzertaufnahmen vom April 1998 in Le Mans. Die CD enthält zudem ein 12-minütiges Solostück von Rutherford, das im Februar 1998 in einer Londoner Kirche aufgenommen worden war.

 

Auch die CD "Chicago 2002" (Emanem, 2002) beginnt mit einem 20-minütigen Solostück von Rutherford, gefolgt von Aufnahmen mit Lol Coxhill (ss), Jep Bishop (tb), Fred Lonberg-Holm (cello), Kent Kessler (b), Mats Gustafsson (reeds) und Kjell Nordeson (dm), alle am 26. bzw. 27. April 2002 live beim "Empty Bottle"-Festival in Chicago aufgenommen.

 

Einen Tag später entstand bei einem Auftritt von Rutherford und Coxhill mit Torsten Müller (b) in Milwaukee die CD "Milwaukee 2002" (Emanem, 2003). Im Dezember 2004 tat er sich in Portland, Oregon, mit Ken Vandermark (ts, cl), Torsten Müller (b) und Dylan Van der Schyff (dm) zu einem Quartett zusammen, dessen Wirken auf "Hoxha" (Spool, 2005) dokumentiert ist.

 

Aufnahmen des selben Quartetts vom selben Monat in Vancouver kamen erst viel später unter dem Titel "Are We In Diego?" (WhirrbooM!, 2018) heraus. Nur im Trio mit Torsten Müller (b) und mit Harris Eisenstadt (dm) an Stelle von Van der Schyff, entstand im Januar 2006 live in Santa Fé, New Mexico, die CD "The Zone" (Konnex, 2006). 

 

Auf "Free Zone Appleby 2006" (psi, 2007) spielten Rutherford, Evan Parker (ss, ts), Rudi Mahall (bcl), Philip Wachsmann (vio, elect), Alexander von Schlippenbach (p), Aki Takase (p) und Paul Lovens (dm) in Duos, Trios und im Quartett. Paul Rutherford starb am 5. August 2007 im Alter von 67 Jahren.

 

Die nach seinem Tod heraus gebrachte Doppel-CD "Tetralogy (1978-1982)" (Emanem, 2009) mit bisher unveröffentlichtem Material bestand aus zwei Live-Solo-Tracks von 1978 und 1981, einer Quartettaufnahme von 1981 mit George Lewis (tb), Martin Mayes (frh) und Melvyn Poore (tuba) sowie einer Studioaufnahme von 1982 mit Paul Rogers (b) und Nigel Morris (dm).

 

"Raahe'99" (Slam, 2012) nannte sich eine Live-Aufnahme von 1999 von Rutherford mit George Haslam (bars, tarogato), Samuli Mikkonen (p), Uffe Krokfors (b) und Mika Kallio (dm). Paul Rutherford besitzt bei der Datenbank discogs.com über 200 Einträge als Musiker.

 

Er war auch Mitglied der Formationen T Nonet Fred Van Hove, Alexander Von Schlippenbach-Septett, Berlin Contemporary Jazz Orchestra, Centipede, Elton Dean Quintet, Elton Dean's Newsense, European Free Jazz Orchestra Des Art Ensembles Of Chicago, Francesco Branciamore Trade D'Union, Freebop, Giorgio Gaslini Double und Giorgio Gaslini Ensemble.

 

Auch bei den Gruppen Globe Unity Orchestra, Guido Mazzon Sextet, John Stevens Ensemble, John Stevens Folkus, John Wolf Brennan HeXtet, Keith Tippett Tapestry Orchestra, Level Two, London Jazz Composers Orchestra, Michael Sell Brass Ensemble, Mike Westbrook Orchestra, Musica Mu(n)ta Orchestra, Paul Dunmall Moksha Big Band, Paul Dunmall Octet und Paul Dunmall Sextet machte er mit.

 

Er spielte auch in den Formationen Peter Brötzmann Group, Peter Brötzmann Octet, Peter Kowald Quintet, The Charlie Watts Orchestra, The Dedication Orchestra, The John Stevens Dance Orchestra, The Mike Westbrook Concert Band, The New Eternal Rhythm Orchestra, The New Jazz Orchestra, The Peter Brötzmann Tentet, The Siger Band, The Wuppertal Workshop Ensemble, Unlaunched Orchestra sowie Vinko Globokar & Brass Group.                                                09/25

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